Dienst an der Kremser Bau(amts)kultur

Die Architektur österreichischer Amtshäuser zeichnete sich seit Generationen durch einen speziellen Charme aus, der „das Ungemütliche“ schlechthin repräsentierte: Unwirtliche, enge Gänge als Wartezonen für die Parteien und fest geschlossene Türen zu den Referentenzimmern als unmissverständlicher Verweis auf die Privatheit der dahinter liegenden Räume. Der Umstand, dass Dienst leisten und Dienstleistung nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben müssen, kannten Besucher von z.B. Wiener Ämtern nicht erst, seit sich die MA 2411 im Fernsehen präsentierte... Aber die Zeiten haben sich wirklich geändert und ein zeitgemäß geführtes Amt bemüht sich eine Servicestelle zu sein, wo die Bürger — ungehindert — zu ihrem Recht kommen.

Beim Kremser Bauamt sollte bei der Gestaltung der neuen Räumlichkeiten in der Gaswerkgasse das Konzept eines Großraumbüros verwirklicht werden, nicht nur um die interne Kommunikation zu erleichtern, sondern um den Anliegen und Ideen der Kremser BürgerInnen in  einem Klima der Offenheit entgegen zu treten. Das Engagement von Stadtbaudirektor Wolfgang Krejs für eine qualitätvolle moderne Architektur in Abstimmung mit der außergewöhnlich schönen, gewachsenen baulichen Struktur, hat Krems eine neue Identität als Stadt der Baukultur gebracht. Diesem Anspruch verpflichtet wählte er auch für die Planung der Amtsräume ein junges, aber bereits renommiertes Architekturbüro, nämlich das Wiener Architektenteam BEHF.

Der vorhandene nüchterne Großraum eines Gebäudes aus den 70er Jahren wurde durch halb hohe Einbauten so strukturiert, dass bei ca. 12 m Trakttiefe zwar einzelne Bereiche abgeteilt werden, die Übersicht über den gesamten Raum und der Blick ins Freie jedoch gewährleistet bleibt. Durch die — bewusste oder unbewusste — Anwendung eines Koordinatensystems wurde eine klare Zonierung erreicht, sowohl im Grundriss, wie auch bei der Raumhöhe: Der mittlere Bereich entlang der Längsachse, wo man von unten über die Treppe kommend die MA4 betritt, ist in knalligem Orange gehalten und klar als öffentlich zu erkennen. Hier wird man nach dem augenscheinlichen Motto Der Kunde ist König an einer großzügigen „Rezeption“— dem Sekretariat — empfangen um sein Anliegen vorzubringen und an kleine Tischgruppen in der orangen Zone zur Besprechung mit den Referenten weiter verwiesen. In den an beiden Seiten parallel liegenden grauen Zonen sind die Arbeitsplätze der Beamten, die somit in Ruf- bzw. Hörweite liegen. Es gibt zwei abgetrennte Räume, die ungestörte (und ungehörte) Besprechungen erlauben, einerseits das Büro des Stadtbaudirektors, andrerseits ein Glaskobel am Ende des mittleren Bereichs.

Das Intelligente am Konzept der Höhenentwicklung äußert sich an den Schrankwänden: Die Oberkante erreicht mit 150 cm die Aughöhe eines durchschnittlich großen, stehenden Menschen. Somit kann man im Stehen alles überblicken. Wenn man sitzt (Aughöhe ca. 120 cm), hat man allerdings das Gefühl eines geschützten Bereiches: Die Schränke definieren wohl eine kleine räumliche Einheit, die nicht komplett einsichtig ist. Eine Person wird von der Weite nur sichtbar wird, wenn sie aufsteht. Die Linie der Oberkante setzt sich auch an den an beiden Längsseiten verlaufenden Fenstern, die bereits vorhanden waren, fort, da genau auf dieser Höhe ein Kämpfer verläuft. Durch solche vermeintlichen Kleinigkeiten wird besagtes Koordinatensystem gebildet, das den Großraum im Gleichgewicht hält. Besonders schön ist auch der räumliche Abschluss an der nördlichen Fensterseite, da direkt dahinter üppig die Pflanzen wuchern und somit eine grüne Wand im Aussenraum bilden.

Für die ArchitektInnen von BEHF (federführend bei diesem Projekt Erich Bernard) ist die Architektur nur ein Teilaspekt einer umfassenden Corporate Identity, die eine Positionierung eines Unternehmens oder in diesem Fall einer öffentlichen Stelle leisten soll, daher werden von ihnen auch das Leitsystem im Gebäude und die Visitkarten — kurz gesagt: der öffentliche Auftritt der MA 4 gestaltet. Das Kremser Stadtbauamt hat sich somit nicht nur durch sein bisheriges beachtenswertes Schaffen positioniert, sondern zeigt nun auch im täglichen Parteienverkehr, dass man offen für Neues, für eine lebendige und nachhaltige Baukultur in Krems und Umgebung ist.
© Judith Eiblmayr

 

Broschüre Krems, Stadt im Aufbruch, Architektur und Städtebau. Eine Bilanz, 2003